„ROMEO“

 

Nina Morettis 6. Fall

 

Die Aufführung von Romeo und Julia in der Betzdorfer Stadthalle ist ein voller Erfolg. Als der letzte Vorhang fällt ahnt niemand, dass dies tatsächlich das Ende des jungen Romeo ist, dessen Leiche am nächsten Morgen in dem Sarg der Bühnenrequisite gefunden wird. Kommissarin Nina Moretti wird schnell klar, dass der junge Schauspieler, der Sohn eines neapolitanischen Paten, nicht nur Freunde besaß. Auch die Vergangenheit ihrer eigenen Familie scheint sie einzuholen. Ist Antonio, der smarte Commissario aus Neapel, wirklich der Mann, für den er sich ausgibt?

Hier eine kleine Leseprobe

Kapitel 1

Sonntag, 18. Mai 2014, 10:30 Uhr
Neue Straße 35, Kausen im Westerwald


Nina lehnte sich zurück, schloss die Augen und lauschte
dem Wind, der die Bäume in dem nahen Naturschutzgebiet
Seiferwald kräftig rauschen ließ. Heerscharen von
Vögeln zwitscherten rings um sie herum um die Wette.
Was gab es Schöneres, als einen Sonntagmorgen mit
lieben Freunden inmitten der Natur zu beginnen? Noch
dazu an einem Tag wie diesem. Einem Tag, an dem alles
passte. Das frühsommerliche Wetter war traumhaft. Sie
war ausgeschlafen und hatte dienstfrei. Der Kaffee roch
nicht nur erstklassig, nein, er war es auch. Selbst die
Brötchen aus der Bäckerei waren einigermaßen genießbar,
und das, obwohl die nette Bedienung ihr zwei
Stück kostenlos dazugegeben hatte. Normalerweise ein
untrügliches Zeichen dafür, dass die Dinger zu klein,
hart wie Stein oder total verkohlt waren.
„Nina, gibst du mir mal die Margarine?“, riss die
Stimme von Alexandra sie aus ihren Tagträumen.
Nina griff die Dose, deren Inhalt in der Sonne schon
langsam in einen flüssigen Zustand überging, und
reichte sie der Freundin.
„Schön habt ihr es hier“, stellte sie noch einmal fest
und ließ den Blick über das Tal unterhalb der Küblerschen
Terrasse schweifen. Das Grün der Wiesen harmonierte
herrlich mit den Abertausenden gelber Löwenzahnblüten.
„Wenn du hier mal ein paar Monate wohnst, siehst
du das schon nicht mehr“, bemerkte Thomas Kübler
trocken und schmatzte dabei. Nina wusste, dass er vermutlich
recht hatte, trotzdem ärgerte sie sich über
diese Aussage, die ihr Glücksgefühl an diesem wunderbaren
Morgen erheblich störte. Aber so war Thomas
halt, ein Trampeltier. Der Kollege besaß die Gabe,
in jedes noch so kleine Fettnäpfchen mit Anlauf hineinzutrampeln.
Trotzdem mochte sie ihn. Er war
mehr als nur ihr Partner bei der Kriminalpolizei und
der Ehemann ihrer besten Freundin Alexandra. Thomas
war so ein richtiger Kumpel.
„Wann kommt denn Klaus heim?“, wollte Alex wissen.
Nina nahm ein Brötchen und schnitt es auf, während
sie antwortete.
„Am Dienstagabend hol ich ihn vom Bus ab.“
„Du kannst es sicher kaum erwarten?“, meinte Alex
grinsend, und Nina glaubte, einen leicht vulgären Unterton
in ihrer Stimme zu hören.
„Nee, wieso? Der ist doch erst seit Donnerstag weg“,
log sie, da sie sich tatsächlich ein wenig nach ihm
sehnte, dies aber nicht unbedingt zugeben mochte.
„Den Job von Klaus wollt´ ich auch nicht geschenkt“,
schaltete sich Thomas nun wieder ein.
„Wenn ich mir vorstelle, ich müsste als Lehrer mit
einer Truppe von zwanzig pubertierenden Teenagern
eine Woche auf Klassenfahrt nach Berlin.“
Er winkte ab.
„Nee danke, Nina. Dann doch lieber Bulle.“
„Was müssen wir denn noch für eure Hochzeit organisieren?
Bis zum 4. Juli is’ ja gar nich mehr so lange
hin?“, fragte Alex, die gerade damit beschäftigt war,
dem dreijährigen Linus ein Brötchen daumendick mit
Schokocreme zu bestreichen.
Nina zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung.
Viel gab es ja auch gar nicht zu organisieren.
Schließlich würden sie und Klaus sich ja nur in kleinem
Rahmen das Jawort geben. Auf dem Standesamt,
ohne Brimborium und große Feierlichkeiten. Unmittelbar
nach der Trauung ging es dann auf Hochzeitsreise.
Einfach mit dem Wohnmobil aufs Geratewohl.
Ganz ohne Ziel und Zwang.
Ninas Diensthandy klingelte. Sie ignorierte es, obwohl
es ihr ein wenig schwerfiel. Auf der einen Seite
wollte sie in diesem Moment auf gar keinen Fall gestört
werden. Heute war schließlich frei. Andererseits
war sie schon neugierig, wer da an einem Sonntagmorgen
um halb elf bei ihr anrief. Klaus konnte es
nicht sein, der würde es auf ihrem privaten Telefon
versuchen, das sich in der anderen, der linken Jackentasche
befand. Das Gerät in der rechten trällerte indes
munter weiter. Nina trank einen Schluck Kaffee. Da
war aber einer hartnäckig. Thomas sah sie vorwurfsvoll
an.
„Willst du nicht mal rangehen?“ Nina schüttelte
den Kopf und griff dann aber doch in die Tasche,
um wenigstens einen Blick auf den Nervtöter zu
werfen. Als sie das Gerät in der Hand hielt, verstummte
es.
„Siehst du, war gar nicht wichtig“, erklärte sie und
ließ dann ein kleines Stück ihres Leberwurstbrötchens
unter dem Gartentisch verschwinden. Es dauerte nur
Sekunden, bis sie die feuchte Hundeschnauze an ihren
Fingern spürte, die vorsichtig an der Leckerei zu knabbern
begann.
Thomas schnaufte genervt, während Alexandra belustigt
schien.
„Eh, müsst ihr eigentlich den Hund immer vom
Tisch füttern? Das Vieh wird ja immer fetter“, polterte
er los.
Alex nahm demonstrativ eine Scheibe Wurst und
ließ diese ebenfalls unter dem Tisch verschwinden.
„Ja, müssen wir“, säuselte sie und sah dann an Thomas
hinunter. „Ich meine, du hättest aber auch gut zugelegt
über den letzten Winter. Könntest ruhig mal
wieder ins Fitnessstudio. Nur vom monatlichen Beitrag-
Zahlen geht die Wampe auch nicht weg. Man
muss auch schon mal hingehen.“
Der Kollege verdrehte die Augen, sagte aber nichts
mehr. Erneut klingelte Ninas Handy. Diesmal zog sie
es sofort aus der Jacke und sah auf das Display.
„Henning mobil“ stand da. Was zum Kuckuck wollte
Hennig Himmrich an einem Sonntagmorgen von ihr?
Neugierig nahm sie das Gespräch an.
„Einen wunderschönen guten Morgen, lieber Henning“,
trällerte sie gut gelaunt in das Gerät.
„Morgen, Nina“, knirschte der nicht eben in bester
Laune. Nina wurde sofort hellhörig und ernst. Ein
schlecht gelaunter Henning, ob am frühen Morgen
oder zu irgendeiner anderen Tageszeit, war ihr gänzlich
unbekannt. In den Jahren, seit sie ihn kannte, hatte
es so etwas noch nie gegeben. Henning war im Grunde
eine Frohnatur, der natürlich, wenn es sein Job forderte,
auch sehr ernst sein konnte.
„Ist was passiert?“, fragte sie vorsichtig.
„Du musst sofort bei mir vorbeikommen, Nina“,
polterte er aufgeregt los. „Ich hab hier einen toten jungen
Mann in der Firma.“
„Und, Henning? Was ist daran ungewöhnlich? Du
hast ständig Leichen bei dir. Du leitest ein Bestattungsinstitut“,
versuchte sie ihn zu beruhigen.
„Weiß ich selbst, Nina“, grummelte er. „Aber heute
hab ich hier eine Leiche zu viel. Der hier sollte definitiv
nicht da sein.“
Das Beerdigungsinstitut Himmrich lag in einem Industriegebiet
des kleinen Örtchens Alsdorf, das zur
Verbandsgemeinde Betzdorf gehörte. Hinter dem Gebäude
floss der kleine Fluss Daade, der einige hundert
Meter weiter in die etwas größere Heller mündete.
Henning erwartete Nina und Thomas bereits an der
Eingangstür des Instituts und führte sie in eine kleine
Lagerhalle, in der mehr als ein Dutzend Särge in einem
Hochregal lagerten. Mitten in der Halle parkte der
große Mercedes-Leichenwagen. Die Heckklappe stand
offen. Hinter dem Wagen lag auf den stählernen Zinken
eines Gabelstaplers ein geöffneter Sarg; der Deckel
befand sich auf dem Fußboden daneben.
Nina trat an den Sarg und besah sich den Toten. Sie
schätzte den dunkelhaarigen Mann auf vielleicht
zwanzig. Sein Haar war lockig und etwa schulterlang.
Die weit aufgerissenen Augen dunkel. Er trug
schwarze Jeans, dazu polierte, teuer wirkende Halbschuhe
und ein schwarzes Sakko. Auf dem weißen,
weit aufgeknöpften Hemd befanden sich mehrere
große Blutflecke.
„Und du hast keine Ahnung, wo der Junge herkommt?“,
erkundigte Nina sich. Henning zuckte mit
den Schultern.
„Ich hab den Sarg heute Morgen in der Stadthalle
abgeholt. Als ich ihn hier eben auf den Gabelstapler
zieh, merk ich, dass er zu schwer ist. Ich hab ihn geöffnet,
und da lag der Bursche drin“, erklärte der Bestatter.
„Warum holst du einen Sarg aus der Stadthalle?“,
hakte Nina nach, da sie die Zusammenhänge nicht verstand.
„Da war gestern am Abend Theaterpremiere. So
eine moderne Fassung von Romeo und Julia. Die hat-
ten mich gefragt, ob ich ihnen einen Sarg als Requisite
leihe. Ist ja kein Problem. Ich helfe ja gern.“
Nina begann zu verstehen.
„Du hast den Leuten vom Theater also die Kiste geliehen.
Heute Morgen holst du sie wieder ab, willst sie
einlagern und merkst, dass einer drinnen liegt“, fasste
sie zusammen.
Henning nickte hastig. Dann fasste er in seine Sakkotasche,
zog ein zusammengefaltetes, buntes Stück
Papier hervor und reichte es ihr. Nina klappte es auseinander
und überflog den Flyer. Bereits auf der zweiten
Seite entdeckte sie ein bekanntes Gesicht. Es bestand
kein Zweifel. Der Tote in dem Sarg war Romeo.