„el toro“

Nina Morettis 4. Fall

 

 

Ist es wirklich ein tragischer Unfall, bei dem der körperbehinderte Rentner Doktor Wilbert ums Leben kam? Warum beherbergte der Mann in seinem Keller ein Dutzend der gefährlichsten Giftschlangen der Welt? Und wo steckt die fehlende ägyptische Kobra? Kurz darauf wird im Untergrund der kleinen Siegstadt Betzdorf die künstlerisch in Szene gesetzte Leiche einer jungen Frau gefunden. Todesursache: Der Biss einer Kobra! Die in Spiegelschrift verfasste Signatur des Mörders "el toro" lässt die junge Kommissarin aufhorchen. Hat ihr Jugendfreund, der stadtbekannte Künstler Mario el toro, mehr mit den Morden zu tun als er vorgibt oder ist auch er Opfer einer tödlichen Intrige?

 

 

Hier eine kleine Leseprobe

 

 

Kapitel 1

Samstag, 8 Juni 2013

6:22 Uhr

Steineroth bei Betzdorf / Sieg

 

Am Ortsausgangsschild des kleinen Dörfchens Steineroth trat Nina Moretti das Gaspedal ihres VW Käfer bis zum Anschlag durch. Der 34 PS starke Boxermotor im Heck des kleinen, blauen Wagens brüllte auf. Obwohl es Sommer war, hingen über der Straße dicke Nebelschwaden, durch die die Sonne gelegentlich schon hindurch blinzelte.

 

Der Anruf war kurz vor sechs Uhr heute Morgen gekommen. Unnatürlicher Todesfall in Gebhardshain. Ein Mann Anfang Sechzig hätte sich das Genick gebrochen. Laut der Kollegen vor Ort war der Opa die Treppe hinuntergestürzt. Der Pflegedienst hatte ihn früh am Morgen gefunden. Vermutlich handelte es sich also um einen Routineeinsatz. Hinfahren, den Fall aufnehmen, Bericht schreiben und dann als Unfall abheften. Alltag einer Kriminalbeamtin auf dem Land.

Viele Leute glaubten tatsächlich, dass es bei der Kripo zuging wie im Fernseher bei Derrick und dem Alten. Dass die Kriminalkommissare den ganzen Tag damit zubrachten Serientäter, Mörder und Banditen zu jagen. Weit gefehlt und statistisch gesehen totaler Quatsch. Betzdorf zum Beispiel besaß ungefähr zehntausend Einwohner. Würde es hier täglich einen Mord geben, wäre das für das Bevölkerungswachstum der Supergau. Immerhin müsste für jeden Mord ja auch noch einer in den Knast wandern. Das wären dann nach Adam Riese schon direkt jeden Tag zwei Einwohner weniger. Man musste keinen Doktor in Mathematik besitzen, um sich auszurechnen wo, das mit der Zeit hinführen würde.

Nein, die Arbeit einer Kriminaloberkommissarin war bei weitem nicht so aufregend, wie viele Bürger sich das dachten.

Nina gähnte und stierte vor sich in den Nebel. Dieser Opa hatte sich eine wirkliche blöde Zeit für sein Ableben ausgesucht. Zwei, drei Stunden später wären wesentlich passender gewesen.

Heute war Samstag und Nina sollte um diese Zeit normal noch friedlich schlummernd hinter Klaus in ihrem warmen Bett liegen. In ein, zwei Stunden stünde sie dann ganz langsam auf und würde gemeinsam mit ihm frühstücken.

Tja! Aber so war das halt schon mal, wenn man am Wochenende Bereitschaft hatte. Kein Ausschlafen! Kein Klaus! Kein Frühstück!

Sie schob eine Musikkassette in das Autoradio. Blechern schepperte AC/DC aus den Boxen. Highway to hell. Na, das passte ja.

Plötzlich registrierte sie vor sich eine Bewegung. Aus dem Nebel tauchte die Silhouette eines Rehbocks auf. Noch bevor sie reagieren konnte, gab es einen heftigen Schlag. Nina verriss das Lenkrad. Dann merkte sie, wie sich der Wagen zur Seite legte. Um sie herum knirschte und rumpelte es. Eine Speiche des Lenkrads schlug auf ihr Handgelenk. Sie wurde zur Seite gedrückt und klatschte  mit dem Kopf an das Seitenfenster. Das Glas barst mit einem Schlag. Und schon spürte sie, wie sie in die Höhe gerissen wurde. Der Sicherheitsgurt schnitt schmerzhaft in ihre Brust. Schützend presste sie die Hände vor ihr Gesicht. Keine Sekunde zu spät. Sie fühlte die Glassplitter auf ihren Handrücken prasseln. Dann, für den Bruchteil einer Sekunde, presste die Schwerkraft sie zurück in den Sitz, um sie anschließend abermals zur Seite zu reißen. Mit einem Mal schien es merkwürdig still. Zitternd nahm sie die Hände von ihrem Gesicht und sah sich um. Die Frontscheibe war verschwunden. Sie befand sich in einem Kornfeld. Feuchte Luft wehte in das Wageninnere. Unbeholfen tastete sie nach dem Verschluss des Sicherheitsgurtes und löste ihn. Von irgendwo her hörte sie jemanden rufen.

„Hallo Sie! Hallo! Ist Ihnen etwas passiert?“

Dann kam eine Gestalt auf sie zugelaufen. Ein junger Mann in Motorradkleidung stürmte herbei und riss die Tür des Käfers auf.

„Ist Ihnen etwas passiert?“

 Nina wusste nicht, ob ihr etwas passiert war. Langsam setzte sie einen Fuß nach draußen. Das schwarze Trittbrett des Käfers war nach unten weggebogen. Dann stand sie auf ihren Beinen. Noch schwankend, aber sie stand. Sie schaute an sich herunter. Wie es schien, war noch alles an ihr dran. Sie ging einige Schritte und ließ sich dann auf den Boden sinken. Ihr Blick fiel auf Maggiolino. Der Käfer war nur noch ein Haufen Schrott. Fassungslos besah sie sich das Autowrack.

 Gut, dass ihr Papa das nicht mehr erleben musste! Der kleine blaue Wagen war das erste und einzige Auto des italienischen Gastarbeiters gewesen. Liebevoll hatte er ihn immer Maggiolino genannt, was übersetzt so viel wie Maikäfer bedeutet. Er gehörte seit über 40 Jahren zur Familie Moretti. Vor fast drei Jahren hatten Nina und ihre Mama die Urne ihres Papas damit sogar bis nach Hause nach Italien gebracht. Aber dies schien nun das Ende des kleinen Käfers zu sein. Dafür brauchte sie keinen Experten. Das Dach war eingedrückt. Ebenso die vordere Haube und sämtliche Kotflügel. Das Vorderrad stand merkwürdig ab. Nina begann zu schluchzen.

„Da haben Sie aber noch mal verdammtes Glück gehabt“, erklärte der junge Mann und ging ehrfürchtig um den zerstörten Wagen. „Sie könnten tot sein!“

Er hatte recht. Sie schniefte und wischte sich zitternd die Tränen mit dem Ärmel ihrer Jeansjacke aus dem Gesicht. Mehrmals holte sie tief Luft. Sie musste die Kollegen anrufen. Den Unfall melden und Bescheid geben, dass sie nicht nach Gebhardshain kommen konnte. Außer natürlich, jemand würde sie abholen. Für Maggiolino war die Fahrt hier zu Ende.

 

Kapitel 7

Dienstag 11. Juni.2013

3:35 Uhr

Hauptstraße - Wallmenroth

 

Werner Klopschinsky schreckte auf und sah auf die Leuchtziffern seines Weckers. Kurz nach halb vier. Im ersten Moment wusste er nicht, warum er überhaupt wach geworden war. Nun gut! Sein Schlaf in der Nacht war seit Jahren unruhig. Die fast fünfundvierzig Jahre Wechselschicht im Geisweider Stahlwerk hatten seine innere Uhr vollkommen durcheinander gebracht. Trotzdem glaubte er, dass da irgendetwas gewesen war das ihn weckte. Er lauschte in die Dunkelheit. Leise hörte er das Schlagen einer einzelnen Glocke. Sie schlug langsam und in keinen Fall hektisch. Natürlich wusste er sofort, woher das Läuten kam. Schließlich wohnte er seit seiner Geburt vor fast siebzig Jahren in diesem Haus. Das kleine Glockenhaus schräg gegenüber gab es laut einiger Historiker schon seit dem Jahr 1660. Vor einigen Jahren war das Fachwerkhäuschen mit dem kleinen Glockenturm sogar von Grund auf restauriert worden. Das Schmuckstück des Dorfes. Trotzdem konnte Werner sich nicht erinnern, dass irgendwer schon einmal morgens um halb vier die Glocke geläutet hätte. Er schwang seine Beine aus dem Bett, ging zum Fenster und sah hinaus. Ein schwacher Schein am Horizont kündigte bereits den neuen Tag an. In einer Stunde würde es draußen hell werden. Auf der anderen Straßenseite erkannte er im Schein der schwachen Straßenbeleuchtung das kleine Fachwerkhaus. Tatsächlich, die Glocke im Turm bewegte sich langsam hin und her. Zorn stieg in ihm auf. Dies war sicherlich das Werk irgendwelcher betrunkener, jugendlicher Rowdys, die sich einen Spaß daraus machten, rechtschaffene Bürger um ihren wohlverdienten Schlaf zu bringen. Hastig zog er seine Hose über und schlüpfte in die Pantoffeln. In der Diele öffnete er den Garderobenschrank und nahm das alte Jagdgewehr seines Vaters heraus. Die Waffe stand schon seit Jahren hier. Wenn man, wie er, alleine wohnte, musste man auf alles vorbereitet sein. Dummerweise besaß er für die Kanone keine Munition mehr. Dennoch fühlte er sich mit ihr im Anschlag gleich viel sicherer. Eine Doppelläufige schreckte jeden Einbrecher ab. Da war er sich ganz sicher. Und im Zweifelsfalle konnte man mit ihr immer noch zuschlagen.

 

Draußen war es angenehm kühl. Die Luft roch nach Blüten und obwohl es seit Tagen nicht mehr geregnet hatte, ein wenig nach feuchter Erde. Die vielbefahrene Bundesstraße 62, die direkt vor seinem Haus verlief, war Auto- und Menschenleer. Das einzige Geräusch, das man hörte, war noch immer das stetige, rhythmische helle Bing, Bing, Bing, der kleinen Glocke. Werner überquerte die Straße. Der Eingang des Häuschens befand sich auf der zur Straße abgewandten Seite. Langsam ging er um den Fachwerkbau herum. Das Türschloss war aufgebrochen worden. Diese verfluchten Vandalen! Gab es denn heutzutage gar keinen Respekt mehr vor anderer Leute Eigentum? Er stieß die Tür vorsichtig mit dem Lauf des Gewehrs auf und betrat den Raum. Dann sah er sie… Schauerlich schön… Es war ein Anblick, den er nie mehr in seinem Leben vergessen würde.

 

*

 

Hans Peter stieg schlaftrunken aus dem Bett und schlurfte in den Flur. Auf der Kommode lag sein Mobiltelefon und machte Radau für zehn.

„Scheiß Ding“, knurrte er und sah auf das Display.

 Der Name des Anrufers verwunderte ihn. Werner Klopschinsky! Was um Himmelswillen wollte der mitten in der Nacht von ihm? Er nahm das Gespräch an und knurrte als Begrüßung:

„Sach mal, weißt du wie viel Uhr es ist?“

 Werner reagierte nicht auf die Schelte, sondern sagte nur mit zittriger Stimme:

„Hans Peter, du musst sofort kommen. Hier ist eine umgebracht worden.“

 Thiel war auf der Stelle hellwach.

„Was ist passiert, Werner? Hast du Mist gebaut?“

 „Nein, Hans Peter. Ich hab nichts damit zu tun. Ich hab sie nur gefunden.“

 „Wo?“, fragte er.

„Bei mir gegenüber im Glockenhäuschen.“

 Hans Peter überlegte kurz. Im Grunde ging ihn das nichts an. Er war kein Polizist mehr.

 „Werner, hör zu. Ich bin in fünf Minuten bei dir.“

 Er rannte ins Schlafzimmer und begann sich eilig anzuziehen. Inge saß im Bett und starrte ihn fragend an.

„Mein alter Freund Werner Klopschinsky hat angerufen. Ich muss nach Wallmenroth. Angeblich wäre jemand ermordet worden“, erklärte er.

 Sie stöhnte.

 „Hans Peter! Du bist im Ruhestand! Das ist jetzt die Aufgabe von Nina und den anderen.“

 Er nickte.

„Ich weiß, Inge. Deshalb, tu mir den Gefallen und weck Nina bitte. Sag ihr, sie soll nach Wallmenroth ins Glockenhäuschen kommen.“

 Als er kurz darauf das Haus verlassen wollte, kam Inge bereits wieder aus der oberen Etage herunter.

„Sie zieht sich an. Du sollst bitte eine Minute warten.“

 

Als Thiel seinen Wagen vor dem Glockenhäuschen parkte, saß Werner auf einem dicken Stein davor. Er war leichenblass. In der einen Hand hielt er eine Schrotflinte, in der anderen ein Mobiltelefon. Sie stiegen aus. Nina hatte noch kein Wort gesprochen. Man sah es ihr deutlich an, dass sie noch nicht wach war. Aber wenigstens zickte sie nicht rum wie sonst, wenn sie nicht ausgeschlafen war.

Werner zeigte wortlos auf die offene Tür des kleinen Hauses, blieb aber wie angewurzelt sitzen. Nina betrat als erste den Raum. Drinnen brannte Licht. Die tote Frau, die mit rostigen Nägeln an einen dicken Stützbalken genagelt worden war, ließ sie zurückstolpern, so dass Hans Peter von hinten gegen sie rannte. Er hörte, wie sie die Luft einsog. Thiel ging an Ihr vorbei und sah sich die Tote an. Er schätzte Sie auf Mitte zwanzig. Ihr lebloser, nackter Körper war von oben bis unten in verschiedenen grünen und gelben Farbtönen angemalt. Die langen Haare standen steif vom Kopf ab und waren mit leuchtend gelber Farbe verklebt. Ihr Gesicht schimmerte goldbraun.

„Sie sieht aus wie eine Sonnenblume.“, flüsterte Nina.

Ja, das tat sie wirklich. Sie sah aus wie eine Sonnenblume. Hans Peter inspizierte die Stellen, an der die Nägel sich durch die Haut bohrten. Es gab hier kein oder nur ganz wenig Blut. Sie war also schon tot gewesen, als ihr die rostigen Stahlbolzen durch den Körper getrieben wurden. Um das zu sehen, brauchte er keinen Pathologen.

„Ich ruf‘ die Kollegen“, erklärte Nina und verließ das kleine Haus. ...