„Krähenblut“

 Nina Morettis 2. Fall

 

Der scheinbar natürliche Tod eines Betzdorfer Rentners wirft Fragen auf. Was hat die tote Krähe an der Volierentür im Garten des Mannes zu bedeuten? Ist es doch Mord? Nur Stunden später verschwindet ein Freund des Toten aus einem Altenheim. Eine Entführung? Als Angler am nächsten Morgen die Leiche eines jungen Mannes in einem Weiher im Westerwald finden, wird der Fall für Kommissarin Nina Moretti immer suspekter. Welches dunkle Geheimnis hüteten die beiden alten Männer? Und was hat ein zwielichtiger Siegener Kunsthändler mit all dem zu tun?

 

Hier eine kleine Leseprobe

 

Aus Kapitel 9

Noch bevor Nina den Klingelknopf betätigte, hörte sie von drinnen das bösartige Kläffen eines Hundes. Der Stimmlage nach zu urteilen, die knapp über der einer Feldmaus lag, konnte es allerdings kein allzu großer Vierbeiner sein.
Sie klingelte trotzdem. Das Kläffen wurde noch lauter und gewann sogar noch an Boshaftigkeit. Durch die Milchglasscheibe der Haustür erkannte Nina eine Bewegung im Flur. Dann hörte sie das laute Keifen einer älteren Frau.
„Lulu, bist du still! Wirst du wohl lieb sein!“
Lulu war nicht still. Nina hörte das Schlagen einer Tür. Das Kläffen wurde leiser und die Haustür öffnete sich endlich einen Spalt.
„Ja, bitte“ krächzte die Alte.
Nina hielt ihren Ausweis vor den Türspalt und beobachtete das Augenpaar, das sie in Brusthöhe betrachtete.
„Guten Morgen. Mein Name ist Nina Moretti von der Kriminalpolizei. Sind Sie Frau Fink?“
Der Türspalt wurde größer. Ein altes Mütterchen, Nina schätzte sie auf mindestens achtzig, kam zum Vorschein.
Sie war nicht sonderlich groß. Ihre dünne, kleine Gestalt wirkte wie die eines Kindes. Die silbergrauen Haare waren straff zurückgekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengesteckt. Sie trug ein cremefarbenes Strickjäckchen, auf dem sich einige Kaffeeflecken befanden. Darunter einen längeren, schwarzen, mit Blumen verzierten Kittel oder Rock. Nina musste sich ein Grinsen verkneifen. So und nicht anders hatte sie sich früher die Hexe in den diversen Märchen vorgestellt. Das Einzige, was nicht zu ihrer Kindheitsfantasie passen wollte, war das freundliche Gesicht der Alten. Hexen waren doch eigentlich immer böse.
„Komm rein, Mädchen. Wurde ja auch Zeit, das Mal einer kommt und sich kümmert“, sagte die Hexe freundlich und ging vor.
Nina drückte die Tür ins Schloss und folgte ihr durch einen dunklen Flur. Die Wohnung wirkte, soweit sie das beurteilen konnte, sauber und aufgeräumt. Auch der Geruch, den sie häufig bei älteren Menschen wahrnahm, fehlte
hier. Stattdessen duftete es nach Kaffee und Backwerk. Die Alte öffnete eine Tür am Ende des Ganges. Dann lernte Nina Lulu kennen. Wie ein Blitz schoss das vierbeinige Etwas an der Hexe vorbei und baute sich bösartig
knurrend vor Nina auf.
„Lulu macht nix. Die will nur spielen“, krächzte Frau Fink.
Eigentlich mochte Nina Hunde. Aber war das wirklich einer? Sie ging in die Hocke und betrachtete das knurrende Ding. Doch! Aus der Nähe gesehen war das eindeutig ein Hund. Wie es schien, handelte es sich um einen Chihuahua, der da vor ihr zurückwich. Neulich hatte sie einen Bericht in einer Zeitschrift gelesen, in dem ein freilaufender Chihuahua an einem Strand der Nordsee von einer Möwe geklaut worden war. Sie hatte gelacht und kein Wort davon
geglaubt. Welche Möwe konnte einen Hund packen und
ihn in die Höhe tragen? In diesem Moment wusste Nina, dass die Schreiber des Zeitschriftenartikels nicht gelogen hatten. Im Keller ihrer ehemaligen Kölner Mietswohnung hatte es Ratten gegeben, die wesentlich größer gewesen waren, wie dieses Etwas, das sich Hund nannte. Kurz überlegte sie, das kleine Viech zu streicheln, entschied sich beim Anblick der winzigen, spitzen, gefletschten
Zähne jedoch dafür, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen und Lulu zu ignorieren.

Sie betraten die Wohnküche. Der Raum war groß und hell. Die Möbel stammten allesamt aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Auch hier war alles tipptopp sauber. In der Ecke neben dem Fenster war der Frühstückstisch
für eine Person gedeckt.
„Möchtest du eine Schnitte Brot, Kind?“, fragte Frau Fink und bedeutete Nina, auf einem der vier Stühle Platz zu nehmen. Nina folgte der Aufforderung und setzte sich.
„Nein, danke, ich möchte nichts“, erklärte sie.
Die Alte schien enttäuscht, setzte sich aber dann ebenfalls hin.
„Frau Fink, die Kollegen von der Streife sagten, sie hätten etwas drüben bei den Sadorskis gesehen?“
Sie nickte.
„Ja, wirklich schlimm. Der arme Herr Sadorski. Wirklich schlimm. Erst fällt er tot um und dann wird er auch noch ausgeraubt.“
Nina überlegte kurz.
„Haben Sie denn jemanden gesehen, der ihn bestohlen hat?“
Wieder nickte die Alte.
„Sein eigener Enkel war da und hat die schönen Bilder rausgeschleppt. Das muss man sich mal überlegen. Das war früher so ein netter Junge und dann wird der einfach anders.“
Nina runzelte die Stirn und hakte nach.
„Was meinen Sie denn mit anders?“
Die Hexe beugte sich vor und flüsterte nun.
„Stell dir das mal vor, Mädchen. Der ist einfach so schwul geworden.“
Nina musste sich ein Lachen verkneifen. Für Frau Fink schien die Tatsache, dass Jochen Meyer auf Männer stand, wirklich etwas abgrundtief Schlimmes zu sein. Nina überging die Aussage der alten Frau einfach und fragte weiter:
„Wann haben Sie den Jochen Meyer denn zuletzt gesehen, Frau Fink?“
Die Hexe überlegte kurz.
„Das war abends. Es war schon dunkel. Weißt du, Lulu muss abends immer noch mal raus. Ich geh dann immer mit ihr bis drüben zur Ecke Weiherstraße. Und da hab ich ihn gesehen, wie er die Treppe runterkam und Sachen in ein Auto geladen hat.“
„Und Sie sind sich sicher, dass es Meyer war, Frau Fink?“
„Natürlich, Mädchen. Er hat ja noch gegrüßt. Freundlich war er ja noch, obwohl er anders war.“
„Was für ein Auto war das denn? Konnten Sie die Marke erkennen?“
Die Hexe nickte.
„Das Auto war rot, Mädchen. Da bin ich ganz sicher.“
„Und die Marke?“
„Es war rot und hatte kein Dach!“, erklärte sie bestimmt.
Das musste der verschwundene Alfa Romeo sein.
„Frau Fink, wissen Sie denn, wie viel Uhr es war, als Sie den Meyer gesehen haben?“
Die Alte nickte eifrig.
„Das war gestern Abend, direkt nach den lustigen Volksmusikanten im Fernsehen. Die gehen bis Viertel vor zehn.“
Nina schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. Meyer lag zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Stunden mausetot in der Pathologie. Sie sah zu Lulu. Das Vieh kläffte immer noch wie wild. Verdammt, wie sollte man sich da konzentrieren?
„Kann das nicht schon vorgestern gewesen sein, Frau Fink?“
Die Alte überlegte lange.
„Also, wenn du mich so fragst, Kind. Könnte schon sein. Weißt du, mit zweiundneunzig ist ja auch ein Tag so gut wie der andere. Da schmeißt man schon mal was durcheinander. Aber es war sicher nach den lustigen
Volksmusikanten auf dem dritten Programm. Aber, vielleicht weiß das die Waltraud noch genauer. Die war ja kurz später auch drüben. Als ich zurückkam, hab ich gesehen, wie sie mit dem Jungen gestritten hat.“
„Wer ist denn die Waltraud?“, hakte Nina neugierig nach.
Die Hexe flüsterte nun wieder.
„Die Waltraud ist die Tochter von den Sadorskis. Die jüngere. Wohnt hier gleich um die Ecke. Aber die ist auch anders.“
Nina stutzte und flüsterte nun ebenfalls.
„Ist sie lesbisch?“

Die Hexe schüttelte den Kopf.
„Nein Mädchen, wie kommst du denn da drauf? DieWaltraud säuft nur.“