„Tod im Lokschuppen“
Nina Morettis 1. Fall

Ein grausamer Mord erschüttert Betzdorf, das kleine Städtchen am Rande des Westerwaldes. In den Ruinen des verfallenen Lokschuppens wird die verstümmelte Leiche eines ortsansässigen Geschäftsmannes gefunden. Ein heikler Fall für die junge Kommissarin Nina Moretti. Schnell wird klar, dass der Tote, der scheinbar ein Doppelleben führte, nicht nur Freunde in der Kleinstadt hatte. Als am nächsten Tag auch noch der Pfarrer erschossen vor dem Altar der Kirche liegt, wird der Fall immer undurchsichtiger. Führt die Spur ins Kölner Rotlichtmilieu? Liegt das Rätsel in der Vergangenheit der Opfer? Oder sind doch nur Hass und Eifersucht im Spiel? Ein spannender Krimi, nicht nur für Kenner der Schauplätze, der dem Leser auch einen Einblick in zwischenmenschliches Chaos und die Gefühle der Charaktere gibt

 

 

Hier eine kleine Leseprobe

 

Kapitel 9
Dienstag, 7. Dezember 2010, 13:10 Uhr
Betzdorf / Innenstadt

 


Dicke Schwaden aus Zigarettenqualm schlugen Thiel entgegen, als er den Schankraum der kleinen Kneipe betrat. Das Rauchverbot in deutschen Gaststätten schien hier nicht zu gelten oder war einfach noch nicht bis hierher vorgedrungen. Getreu dem Motto: Wo kein Kläger, da kein Richter, qualmten die fünf Gäste an der Theke, was das Zeug hielt. Der gutbürgerliche Nichtraucher verirrte sich eh so gut wie nie in ein solches Lokal. Hinter dem Tresen stand eine dralle Brünette mit aufgedunsenem Gesicht. Ihr Haar war zu einem fettigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Auch sie nuckelte lässig an einer Zigarette. Sie sah erstaunt auf, als sie Thiel erkannte, und begrüßte ihn mit einer rauen, fast männlichen Stimme.
„Ich glaub’, ich werd’ nicht mehr! Kommissar Hans Peter Thiel!“
„Oberkommissar, bitte schön“, verbesserte er sie und versuchte dabei, sein nettestes Lächeln aufzusetzen.
„Was treibt dich hier her, Herr Oberkommissar? Bist du dienstlich oder privat hier?“
„Natürlich privat“, log er. „Ich hab’ Mittagspause und hatte seit Langem noch mal Lust auf ein frisch Gezapftes. Und da hab’ ich mir gedacht: Hans Peter, schau doch einfach mal bei Maria in der Kneipe vorbei.“

 

„Ach, das ist nett. Ein Bier? Kommt sofort!“
Während die Wirtin eine Schaumkrone auf eines der abgestandenen Biere unter dem Zapfhahn zauberte, sah Thiel sich um. Von Stingel keine Spur. Am Ende der Theke stand ein leerer Barhocker, davor auf dem Tresen ein halb volles Bierglas und eine Schachtel Reval ohne Filter. Auf der Packung lag ein silbernes, recht protziges amerikanisches Benzinfeuerzeug. Er beäugte die anderen Gäste. Vom Sehen kannte er sie alle. Hin und wieder sah man jeden der fünf schon mal auf der Wache. Stammkundschaft halt. Im Grunde verabscheute er dieses, in seinen Augen, asoziale Gesindel. Arbeitsscheue Typen, die schon mittags nichts Besseres zu tun hatten, als in einer Spelunke
wie dieser herumzuhängen und sich zu den leisen Klängen deutscher Schlager aus dem Radio zu besaufen. Früher war er selbst hin und wieder hierher gegangen. Nachmittags nach der Arbeit. Heute verfluchte er sich dafür und wünschte, dass er diese Zeit lieber mit Helga verbracht hätte. Das Zuschlagen der Toilettentür weckte ihn aus seinen Gedanken. Aus der Toilette trat kein geringerer als Paul Stingel. Der notorische Säufer schlurfte hinkend zur Theke und ließ sich auf dem Platz vor der Schachtel Reval nieder. Sogleich fingerte er eine der filterlosen Zigaretten hervor und steckte sie sich zwischen die Lippen. Er griff das Feuerzeug, öffnete den Deckel und versuchte mehrmals erfolglos, es zu entzünden. Thiel sah seine Chance.
Er stand auf, ging zu ihm hin, betätigte sein Einwegfeuerzeug und hielt Paul die Flamme hin. Erstaunt sah der vermeintliche Lottomillionär ihn an und entzündete dann seine Zigarette.
„Sieh mal einer an. Mein Freund Hans Peter, der Bulle“, krächzte er grinsend, als er zweimal an dem Glimmstängel gezogen hatte.

 

„Lang’ nicht gesehen! Was treibt dich her? Suchst du hier etwa einen deiner Kriminellen?“
Er lachte laut und zeigte dabei seine schiefen, vom Nikotin gelb verfärbten Zähne. Thiel winkte lässig ab und erzählte dem Trunkenbold die gleiche Story wie zuvor der drallen Wirtin, die ihm mittlerweile das Glas Bier hingestellt hatte. Thiel fischte seine Packung Filterzigaretten aus der Hemdtasche und zündete sich eine an. Dann setzte er das Glas an und trank. Während er dies tat, sah er zu den Zapfhähnen und hoffte inständig, dass diese öfter gereinigt wurden als der Rest dieses Rattenlochs.
„Und, Paul, was macht die Kunst?“, fragte er Stingel und ließ es absichtlich ein wenig gelangweilt klingen.

 

„Och, will mich nicht beschweren“, begann der Säufer zu lallen. „Bei mir läuft‘s derzeit ganz gut. Kann mich vor Aufträgen gar nicht retten. Musste sogar schon Jobs ablehnen, um die ich mich früher gerissen hätte.“
Thiel stutzte.
„In welcher Branche bist du denn momentan tätig?“
Stingel grinste und begann verschwörerisch zu flüstern:
„Wie immer. Mal so, mal so. Hauptsache cash und schwarz. Ich darf ja nix verdienen nebenher. Wegen der Invalidenrente und so. Von mir bekommen die Geier vom Finanzamt keinen Cent mehr.“
Hans Peter Thiel musste sich das Lachen verkneifen. Der Typ war echt eine Klasse für sich. Da saß der hier mit einem Bullen in der Kneipe und erzählte ihm von seinen Schwarzgeschäften. Das Schlimmste war nur, wenn man Paul Stingel mit seinem norddeutschem Dialekt und seinem fast kindlichen Gemüt so zuhörte, dass man ihm nicht böse sein konnte. Der Kerl hatte einen total verdrehten Gerechtigkeitssinn. Wie so ein Lausbube, der bei den Nachbarn die Äpfel klaute, war er immer davon überzeugt, dass das, was er tat, zwar nicht direkt legal war, aber auch nicht schlimm,
weil der Nachbar ja noch genug Äpfel besaß, damit auch andere noch was zu klauen hatten.
„Arbeitest du auch noch für den Schmitz?“, fragte Thiel wieder eher beiläufig. Paul, der gerade das Bierglas angesetzt hatte, prustete lachend ins Glas.
„Ha, das müsstest du doch besser wissen“, grölte er.
„Der braucht keinen mehr, der für ihn arbeitet. Das hat sich erledigt. Der kommt nicht mehr wieder.“
Thiel nickte.
„Ist ’ne schlimme Sache, was dem passiert ist.“
Stingel winkte ab.
„Ist der doch selber schuld, was legt der sich auch mit den Türken an. Einen Puff direkt neben der Moschee bauen zu wollen, der hatte sie ja nicht mehr alle! War doch klar, dass die auf die Barrikaden gehen.“
Thiel sah den Säufer entsetzt an.
„Der wollte was?“
Stingel grinste fett.
„Ah, die Polizei weiß doch nicht alles. Habe geglaubt, ihr wüsstet davon. Ist ja schließlich fast Stadtgespräch. Der wollte das Gelände an der Ladestraße kaufen und da einen Puff hinbauen, direkt neben die Türken. Hat aber nichts gegeben. Die Türken haben es irgendwie rausbekommen und haben ihm das Grundstück vor der Nase
weggeschnappt.“

 

Thiel verstand noch immer nicht.
„Nu mal langsam, Paul. Woher weißt du das eigentlich alles?“
„Von Schmitz. Er hat‘s mir erzählt. Saß genau auf dem Hocker, wo du jetzt sitzt. Hier an der Theke. Ich mein’, der ist ja jetzt tot, da kann ich dir das ja erzählen. Du weißt, normal verpfeif’ ich ja keinen. Vor ein paar Wochen kam der hier reingeschneit und hat mir und den Jungs einen ausgegeben. War ja schon ungewöhnlich. So ein feiner Pinkel kommt sonst selten hier rein. Dann hockte er sich zu mir, erzählte mir alles und fragte mich, ob ich den Türken nicht die Bude anzünden könnte, weil die ihm so auf die Nerven gehen. Zwanzigtausend hat er mir geboten. Zwei Tage später hat er das dann wieder abgeblasen, weil die ihm das Grundstück nebendran, wo der Puff hin sollte,
vor der Nase weggeschnappt haben.“

 

Thiel war sprachlos.
„Und du hättest das getan?“
„Ne, sehe ich etwa aus wie ein Krimineller?“
Thiel besah sich Stingel genauer. Der Typ sah aus wie ein Krimineller aus dem Lehrbuch. Trotzdem log er:
„Nee, Stingel, du siehst weiß Gott nicht aus wie ein Krimineller. Im Gegenteil.“
Thiel klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.
„Hätten wir mehr so ehrliche Bürger wie dich, wären wir Polizisten alle arbeitslos.“
Er sah zu Maria, die ihrem Gespräch hinter der Theke gelauscht hatte, nun kopfschüttelnd die Augen verdrehte und nach dem Funktelefon griff, das hinter ihr im Regal klingelte. Sie nahm ab und meldete sich mit ihrem Namen, dann lauschte sie dem oder der anderen.
„Ja, Moment, ich geb’ Sie weiter.“
Ihre fleischigen Hände legten sich um das Mikrofon des Gerätes, während sie es Stingel reichte.
„Verflucht, Paul, wann besorgst du dir endlich ein Handy und erklärst deinen Kunden, dass ich nicht deine Sekretärin bin und hier auch nicht die Firma Stingel International ist.“
Der Säufer verdrehte die Augen und nahm das Telefon ans Ohr.
„Stingel International, ich bin das selbst“, meldete er sich in einem typisch norddeutschem Slang.

 

Thiel riss sich zusammen, unterdrückte sein Lachen und lauschte dem Gespräch.
„Also, momentan bin ich total ausgebucht. Voll im Stress“, erklärte Paul und nickte immer wieder. Scheinbar glaubte er, sein Gegenüber könnte das sehen. „Ja, okay. Das geht. Den Schutt kann ich auch noch nächsten Monat entsorgen. Ist auch momentan, wegen dem Wetter, nicht so doll mit dem Mofa und dem Anhänger in den Wald. Bei dem Berg muss ich ja mindestens zehn Mal fahren. Ja, Frau Müller. Ist versprochen. Ehrenwort! Direkt, wenn der Schnee weg ist, fahr’ ich den ganzen Kram irgendwo in den Wald.“ Wieder nickte er mehrfach. „Ja, klar ist das legal. Ist ja kein Müll. Gartenabfälle und Bauschutt verrotten ja im Wald. Und Wald gibt’s hier genug. Okay, bis demnächst, tschüss.“
Dann legte er auf.
„Tja, Hans Peter, wie gesagt, wenn es einmal läuft, dann läuft‘s.“
Thiel war fassungslos und entschloss sich, schnell das Thema zu wechseln. Er würde versuchen das eben Gehörte ganz schnell wieder zu vergessen und sich auf seinen Fall zu konzentrieren.
„Kennst du eigentlich die Sekretärin von Schmitz, diese Frau Becker?“
Stingel nickte eifrig.
„Klar kenn‘ ich die, steiler Zahn. Leider ein bisschen prüde. Ich wollt‘ mal was mit ihr anfangen. Hat aber nicht funktioniert. Die weiß halt nicht, was gut ist. Stattdessen lässt sie es sich von Schmitz besorgen.“ Er hielt inne und griff nach seinem Bierglas. „Entschuldigung! Sie ließ es sich von Schmitz besorgen.“
Dann hob er das Glas und prostete Thiel zu.
„Auf Schmitz, den alten Verbrecher. Möge ihm der Teufel einen warmen Platz in der Hölle spendieren.“
Thiel ließ nicht locker.
„Wann hast du die Becker eigentlich das letzte Mal gesehen?“
Stingel setzte das Glas ab und schaute leicht verwirrt. Es schien ganz so, als habe er ihn gerade auf dem falschen Fuß erwischt.
„Keine Ahnung, ist schon ’ne Weile her.“
Jetzt erwachte der Kriminalist in Thiel. Er hatte Stingel beim Lügen ertappt. Auch ohne dass er ihn vor etwas mehr als einer Stunde aus dem Wagen der Frau hatte steigen sehen, die er angeblich seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben wollte, hätte Thiel diese Lüge erkannt. In Stingels Gesicht konnte man lesen wie in einem Buch. Jetzt musste
er dran bleiben.
„Und wann hast du den Schmitz zuletzt getroffen?“,fragte er deshalb weiter.
Schweißperlen traten auf die Stirn des Trinkers.
„Auch schon gut ’ne Woche her.“ Stingel griff zu seinen Zigaretten und fingerte zitternd einen der Glimmstängel aus der Packung. Das war wieder eine Lüge!
„Mensch, Hans Peter. Was fragst du das denn alles?
Man kommt sich ja vor wie bei einem Verhör. Da kannst du mich ja direkt fragen, ob ich ihn umgebracht hab’ oder ob ich ein Alibi habe.“
„Okay“, sagte Thiel belustigt. „Wo warst du am Samstagabend
zwischen achtzehn und vierundzwanzig Uhr?“

 

Paul war sichtlich geschockt. Seine Unterlippe vibrierte.

 

„Ich war hier. Glaub’ ich.“
Hilfe suchend sah er zu Maria. Die Wirtin nickte.
„Er war wirklich hier bis gegen elf oder so, dann hab’ ich ihm ein Taxi gerufen, weil er wieder einmal ständig vom Hocker gefallen ist.“
Thiel lachte und klopfte Stingel noch einmal auf die Schulter.
„Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich denke, Paul hätte etwas mit dem Tod von Schmitz zu tun? Quatsch!“
Stingel schien erleichtert, zog gierig an seiner Zigarette und begann nun auch schwerfällig zu lachen.
„Mann, Hans Peter, dachte schon, du wolltest mir was anhängen.“
Thiel schüttelte den Kopf.
„So ein Unsinn, Paul. Ich weiß schon, dass du so was nicht machst. Schließlich siehst du ja auch nicht aus wie ein Krimineller.“
Der Säufer nickte eifrig und trank einen Schluck Bier, während Thiel zum nächsten verbalen Schlag ausholte.
„Trotzdem würde es mich interessieren, was du vor anderthalb
Stunden mit der Becker in ihrem Mini getrieben hast. Auf dem Parkplatz an der Sieg, unter dem Busbahnhof.“