"Über deine Höhen"

 

 

Wer ihre richtigen Eltern sind, weiß die fast siebzehnjährige Lena aus Frankfurt nicht. Um so verwunderter ist sie als sie eines Tages einen Brief vom Anwalt ihres verstorbenen Großvaters erhält. Der alte Mann, von dessen Existenz sie bisher nicht einmal ahnte, hat ihr einen heruntergekommenen Hof hinterlassen. Gemeinsam mit ihrem Adoptivvater Max zieht sie in den Westerwald. Schnell wird klar, dass nicht nur das alte Gemäuer eine dunkle Vergangenheit hat. Im Dorf trifft sie auf eine Mauer des Schweigens. Wer waren ihre Eltern? Was geschah in der Nacht ihrer Geburt als ihre Mutter starb?

Bereits in einer der ersten Nächte malt ein Unbekannter mit Blut ein Pentagramm über ihre Haustür.

Unheimliche Gestalten schleichen Nachts durch den Wald hinter dem Hof. Und dann hört sie das Heulen des Wolfes.

 

 

Hier eine kleine Leseprobe

 

Nachts lag Lena trotz der Schufterei am Tag oft wach. Sie lauschte dem Wind, der, so schien es, hier  immer kräftig wehte und an dem alten Haus zerrte und rüttelte. Sie musste an das Lied denken das sie einmal in der Schule gesungen und dessen Text sie bis auf die ersten beiden Sätze wieder vergessen hatte. „Oh du schöner Westerwald. Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt.“ Dass die Zeilen kein hohles Geplänkel waren wusste sie nun.  Da war wirklich etwas dran. Der Wind war zwar kühl aber auf irgendeine Art auch angenehm.

In den kurzen Pausen zwischen den Böen  hörte sie dann nichts außer den ruhigen Atemzügen von Max der neben ihr schlief. Dieses „Nichts“ zu hören, war neu für sie und machte ihr irgendwie Angst.  Noch nie in ihrem Leben hatte sie „Nichts“ gehört.  In Frankfurt gab es dieses Geräusch nicht. Die Stadt lebte immer. Sie atmete hörbar. Sie pulsierte förmlich. Auch in der Nacht tat sie das. Dieser Puls, bestehend aus Motorengeräuschen, dem Quietschen von Eisenbahnzügen, dem Dröhnen von Flugzeugen und dem Heulen der unterschiedlichsten Sirenen, den konnte man hören. Aber man nahm ihn eigentlich nicht wahr. Erst hier in der Stille des Westerwalds, hatte sie bemerkt, dass er überhaupt da gewesen war und nun fehlte.

Wenn sie in der Nacht so da lag dachte sie viel nach. Über ihr Leben, über das alte Haus und seine ehemaligen Bewohner. Obwohl diese Menschen ihre wahre Familie gewesen waren wusste sie doch rein gar nichts über sie. Vielleicht, so überlegte sie, hatte Familie gar nichts mit Blutsverwandtschaft und den gleichen Genen zu tun. Vielleicht gehörten zur Familie eher die Menschen die man liebte. Max und Marina waren so lange Lena denken konnte ihre Familie  gewesen und nicht diese Leute die sie noch nicht einmal gekannt hatte.

*

Als Lena abends nach Hause kam war es bereits nach neun. Es regnete immer noch in Strömen. Dazu blies heftiger Wind. Max ging es den Umständen entsprechend gut. Nach der OP hatte sie kurz zu ihm gedurft. Dann war sie mit Anne nach Hause gefahren. Die junge Frau versuchte Lena während der ganzen Fahrt dazu zu überreden bei ihr unten im Dorf zu übernachten. Doch Lena lehnte ab. Als sie dann die Haustür ins Schloss zog und hörte wie Annes Auto draußen vom Hof fuhr, ärgerte sie sich fürchterlich, nicht auf das Angebot eingegangen zu sein. Doch jetzt war es zu spät. Als Erstes machte sie sich daran das Schlafsofa neu zu beziehen. Die blutige Wäsche steckte sie in die Waschmaschine. Anschließend putzte sie den Flur. Mohrle beobachtete sie aufmerksam dabei. Das Gesicht des alten Katers wirkte zufrieden. Fast so als wollte er sagen. „Das machst du gut! So ist es richtig.“ Als sie schließlich auch noch eine Tasche für Max gepackt hatte war es kurz vor Mitternacht. Erschöpft sank sie auf die Eckbank und schloss die Gardinen am Fenster hinter sich. Erst jetzt merkte sie wie müde sie war. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Voller Höhen und Tiefen. Zum Glück ging es Max gut und er würde wieder gesund werden. Das war das wichtigste überhaupt. Sie schloss die Augen und horchte. Es schien als habe der Regen nachgelassen. Nur das Rauschen des Windes in den Fichten hinter dem Hof war noch zu hören.  Dieses Rauschen der Bäume und das Pfeifen des Windes gefielen ihr. Zumindest war es besser als das Nichts. Und tausendmal besser wie das Atmen der Großstadt Frankfurt. Sie schreckte auf als Mohrle wie immer zuerst auf einen Stuhl und dann weiter auf den Tisch sprang. Suchend, mit der Nase auf der Tischplatte, schlich er zu Lena und strich dann mit gewölbten Buckel an ihrem Arm vorbei. „Du suchst wohl deine Milch?“ flüsterte sie dem Kater zu. Dann stand sie wieder auf, schlurfte zum Küchenschrank holte eines der Glasschälchen heraus, goss es voll Milch und stellte es vor Mohrle auf den Tisch. „Hier! Trink du schön! Aber sei nicht bös das ich schon mal in die Heia geh. Bin todmüde.“ Sie strich dem Kater noch einmal über den Rücken, ging dann hinüber ins Wohnzimmer wo sie sich wie ein nasser Sack auf das Schlafsofa fallen ließ. Ein seltsames Gefühl der Einsamkeit beschlich sie. Es war keine Angst. Nein, es war irgendwie anders. In ihrer Frankfurter Wohnung war sie, in der Zeit als Max krank war, oft alleine gewesen. Aber hier war das anders. Hier konnte man nicht mal eben über den Hausflur rennen und bei einem der Nachbarn schellen. Hier war sie allein. Wirklich allein.

Die Haustür! Sie hatte die Haustüre nicht abgeschlossen! Mit pochendem Herz rutschte sie von ihrer Schlafstätte und tapste durch den dunklen Raum in Richtung Korridor. Gerade als sie die Hand auf dem Lichtschalter neben der Tür betätigen wollte, hörte sie es. Ein Schürfen und Poltern. Das Geräusch war leise. Sehr leise. Lena hatte einmal gelesen das einem die Sinne, insbesondere der Hörsinn, nachts im Dunkeln, schon einmal einen Streich spielen konnte. Manchmal bildete man sich Geräusche einfach ein oder sie klangen viel lauter und bedrohlicher als sie in Wirklichkeit waren. Sie hielt in ihrer Bewegung inne und lauschte. Wieder war nur das leise Rauschen des Windes zu hören. Durch die drei schmalen hohen Scheiben der Haustür fiel dämmrig das Mondlicht in den Flur und malte dabei ein seltsames Muster auf die Fließen in der Mitte des Fußbodens. Dann hörte sie das Schurfgeräusch wieder. Diesmal war sie sich sicher, dass es keine Einbildung war. Es klang als würde irgendetwas Schweres draußen über das Katzenkopfpflaster gezogen. Deutlich hörte sie die Kieselsteine knirschen die überall auf dem ungepflegten Plastersteinen verstreut lagen. Lena begann zu zittern. Rechts von sich nahm sie eine Bewegung war. Mohrle! Gebückt schlich der schwarze Kater an ihr vorbei auf die Tür zu. Obwohl Lena wusste das eine kleine Katze wie Mohrle sie nicht beschützen konnte, beruhigte die Anwesenheit des Tieres sie ein wenig. Mitten in dem Bild aus dämmrigem Licht das der Mond auf den Boden zeichnete, blieb der Kater stehen und drehte sich zu ihr um. Die Augen leuchten wie zwei kleine Lämpchen in der Dunkelheit, die plötzlich noch zunahm. Lena stierte zur Tür. Ein dunkler Schatten bewegte sich hinter den Scheiben der Haustür und verdeckte das wenige Mondlicht. Deutlich erkannte sie die Gestalt eines Menschen. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. Gleich würde sich die Tür öffnen. Doch anstatt weg zu laufen und sich zu verstecken blieb sie wie angewurzelt stehen. Dann aus einem Reflex heraus bewegte sie die Hand die noch immer auf dem Lichtschalter ruhte. Die Deckenbeleuchtung flammte auf. Draußen war lautes Poltern zu hören. Schritte im Kies. Dann wurde es ruhig. Lena löste sich aus ihrer Starre und rannte in die Küche. Sie schob den Vorhang beiseite und sah nach draußen. Der Halbmond über der Scheune warf ein gespenstisches Licht auf den Hof. Nichts war zu sehen. Mit pochendem Herz taxierten ihre Augen die Umgebung. Draußen war rein gar nichts. Langsam wurde es immer dunkler. Wolken schoben sich vor den Mond und verdeckten ihn schließlich völlig. Sie lief zurück ins Wohnzimmer, kramte eine Taschenlampe aus der Schublade der Kommode und schaltete sie an. Zum Glück funktionierte sie. Dann ging sie langsam zur Haustür. Von Mohrle war weit und breit nichts mehr zu sehen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte durch einen Spalt nach draußen in die Dunkelheit. Eisige Luft streifte über ihr Gesicht. Noch immer zitternd leuchtete sie mit der Taschenlampe nach draußen. Direkt vor der Haustür stand die alte Gartenbank. Das Möbelstück stand sonst immer vor dem Küchenfenster. Irgendwer musste sie über das Pflaster hierher geschoben haben. Sicher waren das die Geräusche gewesen. Aber wozu. Wer um Himmelswillen zog nachts eine alte Parkbank über den Hof um sie direkt hier vor die Haustür zu stellen. Ein Gedanke kam ihr. Während sie den Lichtkegel der Lampe über den kompletten Hof gleiten ließ trat sie ins Freie. Dann leuchtet sie über die Haustür. Hatte sie es doch gewusst. Das Pentagramm über der Tür war wieder komplett. Da wo Max den Stern am Nachmittag weiß übertüncht hatte, war er von dem Unbekannten erneuert worden. Direkt hinter der Bank lag die kaputte Leiter auf den Pflastersteinen. Natürlich. Die Leiter war zerbrochen. Deshalb hatte der unbekannte Schmierfink die Bank vor die Tür geschleift. Sie leuchtete über das Pflaster. Noch immer waren dort Reste der weißen Wandfarbe zu sehen. Und mitten darin Abdrücke von Schuhen. Die Schritte führten fort vom Haus. Zwar waren sie verschwommen aber trotzdem deutlich auf den Pflastersteinen zu erkennen. Der Unbekannte musste bei der Flucht in die vom Regen noch immer flüssige Farbe getreten sein und hinterließ nun seine Fußspuren auf dem Boden. Vorsichtig folgte sie den Fußabdrücken einige Meter. Ihr Herz pochte noch immer. Die nassen Pflastersteine unter ihren nackten Füßen waren entsetzlich kalt. Die kleinen Kiesel auf die sie immer wieder trat schmerzten höllisch. Doch die Neugierde war stärker. Sie stellte ihren rechten Fuß neben einen der Abdrücke. Da die Ränder auf dem nassen Untergrund jedoch sehr verschwammen, war die Größe des Abdrucks nur schwer einzuschätzen. Sie sah zurück zum Haus auf das Pentagramm. Nachdem was sie in dem Hexenbuch gelesen hatte war der Drudenfuß ein Schutzsymbol. Er sollte die Bewohner des Hauses beschützen. Wer immer also ihr nächtlicher Besucher war, wollte ihr nichts Böses. Trotzdem raste Lenas Herz weiterhin wie wild.  Der oder die Unbekannte, soviel war sicher, musste übermäßig abergläubig sein. Lena leuchtete noch einmal in Richtung Hofausfahrt. Der Wind war abgeflaut. Von den talabwärts liegenden Wiesen und Feldern stieg Nebel den Berg hinauf und begrenzte den Strahl der Lampe auf nicht einmal fünfzig Meter. Langsam ging sie zurück. Immer noch leuchtete sie ängstlich umher. Auch sah sie mehrmals hinter sich. Ein Gefühl als würde sie beobachtet beschlich sie. Vermutlich war der Unbekannte immer noch  irgendwo da draußen und beobachtete sie. Plötzlich hörte sie das unheimlichste Geräusch das sie je in ihrem Leben vernommen hatte. Ein lang gezogener Heulton. Sie wusste sofort was das war. Schon oft hatte sie im Fernseher gehört wie ein Wolf heulte. Doch noch nie war es so echt und so nah gewesen. Sie drehte sich nicht mehr um, sondern lief los. Sie rannte so schnell sie konnte. Mit einem Satz sprang sie über die zerbrochene Leiter,  hechtete in den Hausflur, warf die Tür ins Schloss und drehte panisch den Schlüssel um. Rannte dann weiter ins Wohnzimmer. Auch diese Tür warf sie hinter sich zu. Ein kurzer Blick zum Fenster. Zum Glück besaß der Raum ein Rollo. Hastig ließ sie den Rollladengurt durch die Finger laufen. Sie spürte die Reibungshitze des Bandes in ihren Handflächen als der Rollladen krachend auf der Fensterbank landete.  Dann kauerte sie sich mit angezogenen Beinen unter die Decke auf dem Schlafsofa. Hier war sie sicher. Zumindest hoffte sie das. Noch dreimal hörte sie in dieser Nacht das Heulen des Wolfes, dass jedes mal weiter entfernt klang. Morgen würde sie Anne’s Angebot annehmen. Als sie das letzte Mal auf die Uhr sah war es kurz nach drei Uhr morgens. Draußen prasselte der Regen gegen die Rollladen und auch die Bäume hinter dem Haus rauschten wieder im Wind. Alles war besser als das Nichts.